Remscheid. Die schönsten Seiten von Gerd Krauskopf

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Remscheids Fotografie ist nach meinem Eindruck ebenso wie die Öffentlichkeitsarbeit fest in der Hand von ehem. Kaufmannsfamilien und der Stadtverwaltung. Da gab es immer schon direkte oder indirekte innige Bande. So stellt Wolfgang Tillmanns als Kind der Stadt in der Städtischen Galerie aus, die ehemals der Firma Tillmanns als Geschäftshaus gehörte. Und Horst Kläuser als Journalist beim WDR und ebenfalls aus einer Kaufmannsfamilie stammend schrieb nun das Vorwort zu einem Buch, das der ehemalige Stadtangestellte Gerd Krauskopf nun über Remscheid herausgegeben hat.

Es ist ein Buch mit schön gehaltenen Fotos aus ca. 5 bis 8 Jahren, die das zeigen, was aus Sicht von Kaufleuten und dem kleinen Bürgertum Remscheids schönste Seiten sind. Neben gut anschaubaren großen Fotos gibt es zu viele zu kleine Fotos. Da wäre im Sinne des Fotobuches weniger mehr gewesen.

“Man hörte daher oft bittere Klagen und recht abfällige Urteile über die Remscheider Gesellschaft; so habe ich, zumal aus Juristenkreisen, des öfteren den Wunsch gehört: „Wäre ich aus diesem langweiligen Nest nur erst wieder fort“. Für diese Art Leute war es besonders schwer, sich der ganz aufs Geldverdienen eingestellten kaufmännischen Gesellschaft anzupassen. Die Remscheider taxierten damals den Menschen in der Hauptsache nach der Höhe seiner Einnahmen und da schnitten die Staatsbeamten schlecht ab. Natürlich änderten sich diese Anschauungen mit der Zeit ganz wesentlich.”

Dieses Zitat ist aus einem Buch aus der Bismarckzeit nach 1880. Es paßt wunderbar zu den Fotografien, die ich in diesem Buch hier großformatig sehen konnte.

Es gibt Fotos von ausgesuchten Restaurants der Stadt, es gibt viele kleine Fotos mit Details, aber die größeren Fotos mit Impressionen sind meistens Fotos aus der Vergangenheit der Stadt. Das sind Fotos von großen verschieferten Patrizierhäusern mit oft altem bergischen Flair und Fotos mit Blicken auf abgeschirmte Villen oder Verwaltungsgebäude. So sind manche der schönsten Seiten nicht die besuchbaren Orte für alle Remscheider Bürger sondern die Privatadressen weniger Remscheider Einwohner.

Das Heimatmuseum wird großformatig dargestellt. Es ist leider komplett von Käfern zerfressen. Fotos vom Stadtpark, bei dem gerade um die letzten Bäume gekämpft wird – das sieht im Buch kleinformatig anders aus.

Ich halte Remscheid – wenn überhaupt – für eine herbe Schönheit mit anderen Bildern.

Die echten lebenden “Wahr”-zeichen dieser Stadt heissen Ladesteg und Röhrenbrücke am kaufland oder das neue Begegnungszentrum auf dem Honsberg für 120 Nationen mit Beispielcharakter für das Land NRW oder später die neue Moschee, die das Remscheider Stadtbild prägen wird. Für mich wäre die Versöhnungskirche am Zentralpunkt und das alte AWO-Haus am Honsberg ebenso ein schöne Seite gewesen wie ein paar Fotos von den Kleingartenanlagen. Es kommt eben darauf an, was man sieht und welche Rolle der öffentliche Raum spielt.

Remscheid so wie es war ist nicht Remscheid so wie es ist.

Alt-Remscheid wird mit dem Einkaufszentrum Allee-Center (ohne untere Allee-Strasse) und dem Rathaus (!) gezeigt als schönste Seiten.

Und prächtige Bäume finden sich überwiegend auf privaten Grundstücken, wenn sie hier in dem Buch auf Fotos vorkommen, weil auf städtischen Grundstücken solche Bäume kaum oder gar nicht mehr existieren.

Die Fotos von Veranstaltungen und Schneewanderungen in Remscheid vermitteln dann das “Leben” in Remscheid. Da hätte man sich den 1. Mai mit seinem Kulturfest auch als Motiv gewünscht und den Arbeitnehmerempfang im Rathaus.

Zudem gibt es in Remscheid viele Motive, die mit der Geschichte dieser Stadt zu tun haben. Ob es der Kampf um Mannesmann war oder die Zerschlagung von ThyssenKrupp und von der Barmag, ob es das Verschwinden vom Alexanderwerk war oder der Verlust von Honsberg Lamb. Das sind zwar keine subventionierten Verwaltungsbauten aber fotografisch interessante Plätze, an denen sich das Schicksal zigtausender Arbeitnehmer entschieden hat. Aber das hätte das Buch sicherlich überfordert.

Ich vermisse als Hinweise, daß es in Remscheid die besten Currywürste beim “Weltmeister” weit und breit gibt und in Lennep ein Metzgermeister am Röntgen-Gymnasium arbeitet, der noch die alten handwerklichen Traditionen und Rezepte vom Huckenbeck umsetzt, dem legendären Metzger von Remscheid.

So ist dieses Buch ein Buch mit Schnappschüssen aus der Sicht von Gerd Krauskopf, der ja auch Fotos für die Internetseite der Stadt liefert. Es zeigt wie Remscheid aus Sicht einiger Gruppen mal war und ist damit ein Dokument für die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie. Das finde ich sehr interessant.

Einerseits ist es eine Art Reiseführer, um die damalige “Seestadt auf dem Berge” aus Sicht der Kaufleute zu sehen und dies mit persönlichen Gastronomieempfehlungen zu verbinden, andererseits ist es eine Dokumentation über die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie.

Und es gibt Schnappschüsse, die mir als schön gehaltene bearbeitete Fotos gefallen, wenn sie groß genug sind, um richtig angeschaut werden zu können.

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